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Westfälische Tiefblüte

Verfasst von Hans-Joachim Bannier am 10 Juli 2026. Soweit nicht anders angegeben, liegt das Urheberrecht für alle Sortenfotos bei der Autorin/beim Autor.
Westfälische Tiefblüte (Studiofoto)
Gefährungsgrad
stark gefährdet
Regionalsorte
ja
Reifezeit
Pflückreife Mitte bis Ende Oktober. Die Früchte lassen sich – weitgehend ohne Lagerverluste – bis ins Frühjahr hinein (April, Mai) lagern. Sie wurden früher vor allem als Wirtschaftsapfel für die Küche verwendet, teilweise auch als Tafelapfel.
Herkunft
Die Sorte Westfälischen Tiefblüte war im 19. Jahrhundert in ganz Westfalen verbreitet, wenn sie auch nicht zu den ganz häufigen Sorten gehörte. Über ihre genaue Herkunft ist nicht bekannt. Sie dürfte aber zu den ganz alten, um 1800 bereits angebauten Sorten gehören.

Bereits 1915 wurde die Westfälische Tiefblüte in dem Sortenwerk „Deutschlands Obstsorten“ ausführlich beschrieben. Dort ist von einer „alten, in Westfalen und Lippe weit verbreiteten Sorte“ die Rede, „über deren Herkunft zuverlässige Angaben nicht vorliegen“. Auf den westfälischen Bauerngehöften gehöre sie „zu dem eisernen Baumbestand, der vom Vater auf den Sohn vererbt und beim Absterben regelmäßig ergänzt wird“.

In den Empfehlungslisten der Kreise oder der Landwirtschaftskammern Westfalens taucht die Sorte jedoch – im Gegensatz zum Westfälischen Gülderling, dem Schönen aus Wiedenbrück und anderen westfälischen Regionalsorten – eigentümlicherweise nicht auf. Einzig in einer Liste „der zum allgemeinen Anbau empfohlenen Obstsorten im Kreise Brilon“ (vermutlich von 1909) wurde die „Tiefblüte“ bisher gefunden.
Verbreitung
Heute ist die Westfälische Tiefblüte in Westfalen nur noch selten und nur noch auf sehr alten Bäumen zu finden. Auf einem Hof in Borgholzhausen (Kreis Gütersloh) findet sich außerdem ein sehr alter Baum der Sorte, dessen besonders große Früchte von ihrem Besitzer als Doppelte Tiefblüte bezeichnet werden. Ob es sich hierbei möglicherweise um eine Mutante handelt, ist nicht geklärt.

In Nordhessen und Südniedersachsen sowie im ostwestfälischen Kreis Höxter wird eine andere, stärker rot (und streifig) gefärbte (ansonsten in der Fruchtform ähnliche) Sorte als „Tiefenblüte“ bzw. gelegentlich auch fälschlich als „Westfälische Tiefblüte“ bezeichnet. Diese einst von den Baumschulen in Lippoldsberg (bei Bad Karlshafen) vermehrte und entlang der Oberweser verbreitete „Tiefenblüte“ ist jedoch mit der hier beschriebenen Westfälischen Tiefblüte nicht identisch und sollte zur besseren Unterscheidung künftig als Lippoldsberger Tiefenblüte oder Nordhessische Tiefenblüte bezeichnet werden.

Beide Sorten wurden auch in der Literatur gelegentlich schon durcheinander geworfen. So erwähnt Gartenbaudirektor H.K. Möhring (Bad Godesberg/Friesdorf) in der Schrift „Der Hochstammobstbau“ (Friesdorfer Hefte, 1946) die „alte, in Westfalen verbreitete Sorte Tiefblüte“, die „an vielen westfälischen Bauernhöfen die schützende Eiche verdrängt habe“, beschreibt dann jedoch offenbar die „die freudig rot mit dunklen Streifen“ gefärbten Früchte der Lippoldsberger Tiefenblüte.

Sortenechte Reiser der hier beschriebenen Westfälischen Tiefblüte sind heute virusfrei im Reisermuttergarten Bonn der ORG GmbH erhältlich. Einzelne Obstbaumschulen der Region haben die Sorte noch im Angebot bzw. könnten sie auf Anfrage veredeln.
Frucht
Frucht mittelgroß (bis groß), meist breitrund oder breit kegelförmig, seltener oder hochgebaut; mittelbauchig, teils auch stielbauchig, im Querschnitt meist unregelmäßig rund. Sehr fest, wenig druckempfindlich, auch gelagert noch fest. Schale glatt, im Stielbereich hell bereift, mattglänzend, nach Lagerung teils trocken, teils etwas wachsig, mitteldick, beim Verzehr mäßig zäh.

Grundfarbe grasig grün bis leicht weißlich grün, erst im Lager (teils uneinheitlich) aufhellend, in der Reife weißlich gelb, gelb. Deckfarbe sonnenseitig eigentümlich fahl rosa-purpurrötlich gehaucht, bei stärkerer Ausprägung auch lebhaft weinrot bis bräunlich rot, meist eher stielseitig, auf einem Zehntel bis zu einem Drittel der Frucht, manchmal auch ganz fehlend. Frucht stielseitig teils eigentümlich hell bereift bzw. mit hellen Lufteinschlüssen unter der Schale. Schalenpunkte wenig auffallend.

Stielgrube eng (bis mittelweit), mitteltief, Seiten steil, berostet. Berostung fein grünlichbraun oder braun, öfters weit auslaufend (klecksig oder strahlig), darüber oft derb kreisförmig geschuppt, gefaltet oder gerissen. Stiel kurz, variabel mitteldick oder dick / knopfartig, meist nicht oder nur gering aus der Stielgrube ragend.

Kelchgrube tief, mittelweit, schüsselförmig. Seiten steil abfallend, teils ebenmäßig, teils wulstig oder leicht kantig. Kelchumgebung meist etwas wulstig, teils mit einzelnen Rostzeichnungen. Kelch groß, offen oder halboffen. Blättchen am Grunde breit, teils graugrünlich befilzt.

Kelchhöhle dreieckig oder trichterförmig, Staubfäden tiefständig verwachsen, öfters nur in Resten erkennbar. Kernhaus eher klein, Achse geschlossen oder schmal geöffnet, ‚Core-Line’ eng am Kernhaus anliegend. Kernhauswände variabel ohren-, bogen- oder bohnenförmig, meist glänzend, ungerissen, teils auch mit einzelnen Rissen. Kerne meist nicht zahlreich, frisch dunkelbraun, mittelgroß, variabel in Größe und Form, teils taub.

Fruchtfleisch gelblich weiß, fest, mittelfeinzellig bis etwas grobzellig, mäßig saftig, süßsäuerlich, schwach aromatisch, nach Anschnitt deutlich bräunend.
Baum
Die Westfälischen Tiefblüte ist eine typische Streuobstsorte für die Obstwiese. Sie bildet große, meist breit ausladende, mitteldicht verzweigte Kronen.
In der Jugend starten die Bäume zunächst relativ langsam. In der Baumschule empfiehlt sich eine Zwischenveredlung mit Stammbildner. Auch am Standort startet der Baum zunächst etwas zögernd, mit eher flach winkelnden Leitästen. „(Seine) Tragbarkeit beginnt erst im vorgerückten Alter, kehrt aber regelmäßig alle zwei Jahre mit reichen Ernten wieder“, heißt es treffend in „Deutschlands Obstsorten“. Die Bäume können ein hohes Alter erreichen.
Die Westfälische Tiefblüte ist robust gegenüber den wichtigsten Obstkrankheiten Schorf, Krebs und Mehltau, breit anbaufähig auf nahezu allen Böden und auch in höheren Lagen. An schlecht durchlüfteten Standorten kann etwas Schorfbefall auftreten.
Austrieb und Blüte im Frühjahr zeitigen mittelfrüh. Als triploide Sorte kommt sie nicht als Befruchter für andere Sorten in Betracht. Das Laub ist mittelgroß, oval, von dunklerem Grün bis etwas graugrünlich.
Verwechsler
Grüner Stettiner, Schöner aus Nordhausen, Ravensberger, Luxemburger Renette
Anbaueignung
Alles in allem ist die Westfälische Tiefblüte eine robuste und breit anbaufähige Wirtschaftssorte für den extensiven Streuobstanbau, deren Stärke in der problemlosen Lagerung der Früchte – bis ins Frühjahr hinein – liegt. Für Straßen und Wege kommt sie wegen ihres breit ausladenden Wuchses nicht infrage.
Fruchtfotos
Westfälische Tiefblüte (Stiudiofoto)
Westfälische Tiefblüte (geschnittene Frucht)
Westfälische Tiefblüte (geschnittene Frucht)
Westfälische Tiefblüte
Westfälische Tiefblüte
Westfälische Tiefblüte (Quelle: Deutschlands Obstsorten")
Baum in Blüte/Winter
Westfälische Tiefblüte (Quelle: Deutschlands Obstsorten")
Literatur
Bißmann et al. (1905-34): Deutschlands Obstsorten
Bannier, H.J. (2022): Alte Obstsorten - neu entdeckt für Westfalen und Lippe. Hrsg. Stiftung für die Natur Ravensberg (Kirchlengern). 4. Aufl. 2022

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